Saarbrücker Zeitung, 23. August 2008
"Das hat sich in die Seele eingebrannt"
Ramstein. Als die Welt explodiert, beginnt er zu rennen. Irgendwohin, egal, einfach weg. Nur ein paar Meter vor ihm hat sich der Himmel in einen Feuerball verwandelt, die Luft riecht beißend nach Kerosin. Neben ihm schreit jemand, dicker Rauch breitet sich aus, er kann nichts sehen. „Papa", ruft er immer wieder, „Papa?" Auch die Mutter ist verschwunden, Menschen rennen vorbei, irgendwo heult eine Sirene. Und dann diese Schmerzen, im Gesicht, an den Armen, den Beinen. Wie er gerettet wurde, weiß Marc Jung heute nicht mehr - richtig setzt seine Erinnerung erst viel später ein, Wochen danach. Erst einen Monat nach jenem verhängnisvollen 28. August 1988 wird Marc seine Mutter wiedersehen, sie hat leicht verletzt überlebt. Der Vater aber ist tot, gestorben bei einem der schlimmsten Unglücke der deutschen Fluggeschichte: der Katastrophe von Ramstein.
Marc selbst hat schwere Verbrennungen, die heftigsten davon im Gesicht. Über 30 Operationen lässt er in den folgenden 20 Jahren über sich ergehen, verbringt
Monate im Krankenhaus. Ein Schönheitschirurg aus Lindau formt ihm aus Haaren vom Hinterkopf neue Augenbrauen, strafft mit Laserlicht die Gesichtshaut, legt die verkümmerte Nase frei, vergrößert den verbrannten Mund. Doch so tragisch sein Schicksal ist: Die furchtbaren Bilder von damals kennt Marc Jung nur aus dem Fernsehen, die Leichen, die Zerstörung, das Feuer. Ihm sind lediglich Erinnerungsfetzen geblieben - auch an seinen Vater und dessen Tod. „Ich war zu klein", sagt der 24-jährige Informatikstudent heute, „ein Glück." Vielleicht deshalb ist der Beckinger ein normaler junger Mann, sieht man von den schweren Verbrennungen einmal ab. Normal zumindest im Inneren, ohne Angst vor Flugzeugen oder Menschenmassen. Sicher, viele drehen sich noch heute nach ihm um, auch in dem Saarbrücker Café, in dem Jung gerade sitzt. Doch das stört ihn längst nicht mehr. „Ich lebe mit meinem Aussehen", sagt er, „das ist halt passiert." Für Jung ist Ramstein nicht mehr als ein ferner Schemen. Den Jahrestag der Katastrophe hat er im vergangenen Jahr einfach vergessen. Das ist die eine Seite von Ramstein: körperliche Versehrtheit, aber eine halbwegs intakte Seele. Doch es gibt auch die anderen. Die, die körperlich davongekommen sind, aber bis heute mit den Bildern von damals kämpfen. Sie alle erzählen die gleichen, schrecklichen Geschichten, Geschichten von der Explosion, die den Himmel in Brand steckte, von Menschen, die bis zur Unkenntlichkeit verkohlt waren und wimmernd im Gras lagen - und von dem Geruch, diesem grauenhaften Geruch, der noch heute in die Nase steigt und manchen den Rauch eines Feuers nicht mehr ertragen lässt. Ramstein hat keinen
von ihnen losgelassen, auch nach all den Jahren nicht, und wenn sie zu reden beginnen von den Sekunden und Stunden nach dem Absturz, dann ist es, als sei
all das erst vorhin passiert. So gegenwärtig wie etwas, das sich auf ewig in die Seele gebrannt hat.
Auch Hans Joachim Lenhard aus dem pfälzischen Obernheim-Kirchenarnbach ist einer von denen, die noch heute im Schlaf hochschrecken, wenn ein Flugzeug wieder zu tief übers Haus jagt. Oder wenn es hagelt. „Wissen Sie", sagt Lenhard und starrt ins Leere, „das ist dann so, als ob die Trümmer wieder auf mein Auto fallen. Dieses Prasseln, klack-klack." Und seine Finger trommeln auf dem Tisch, klackklack-klack. Wir treffen Lenhard in einem Rasthof, nur einen Steinwurf entfernt von der Airbase. 53 ist er jetzt, und wenn man in sein Gesicht sieht, glaubt man zu sehen, was ihm Ramstein angetan hat. Nicht seinem Körper wie dem von Marc Jung, da blieb er unversehrt. Sondern der Seele. Sein Auto, das ist damals ein Feuerwehrfahrzeug. Als Feuerwehrmann im Dienste der Amerikaner ist Lenhard an jenem Nachmittag mit seinem Wagen nur 60 Meter von dem Punkt postiert, über dem drei Flugzeuge der italienischen Luftwaffenstaffel Frecce Tricolori um 15.44 Uhr zusammenstoßen. Die Maschinen zerschellen noch in der Luft, ein riesiges brennendes Wrackteil rast mitten hinein in die Zuschauermenge, explodiert am Boden und zieht eine 150 Meter lange Feuerwalze hinter sich her.
Lenhard reagiert instinktiv, er hat nur einen Gedanken: Löschen, ich muss löschen. Doch zum Brandherd ist kaum ein Durchkommen. „Überall lagen Körper . . ." Die Stimme stockt. „Wir konnten mit unserem Wagen fast nicht fahren und mussten immer wieder aussteigen und Menschen von der Straße heben. Wie ein Schlachtfeld war das." Dass er ihnen nicht geholfen hat, dass er nicht helfen konnte, weil er seine Arbeit tun und den Brand löschen sollte, beschäftigt Lenhard noch immer. „Ich musste doch funktionieren, einfach funktionieren." Er sagt es fast flehend, wie eine Rechtfertigung. Lenhard funktioniert bis abends um 21 Uhr, als das Gröbste getan ist, und selbst in der Nacht noch. Hilft mit, die Trümmer beiseite zu räumen. Füllt die Wasservorräte seines Feuerwehrwagens auf. Ordnet die Ausrüstung. Routinearbeit. Bis morgens um halb acht, als die Schicht endet. Doch im Kopf ist Lenhard leer, wie ausgeknipst. Mit den Kollegen spricht er nicht, und auch von ihnen thematisiert niemand das, was doch alle bewegt.
Bei den Amerikanern selbst ist das Unglück tabu, eine Nachsorge für die Helfer, sagt Lenhard, habe es nicht gegeben. Erst in den darauffolgenden Nächten, als es still ist im Haus und er keinen Schlaf findet, kommen die Bilder mit Macht zurück: das brennende Kerosin, die Tieflader, mit denen die Amerikaner die 70 Toten abtransportierten, die Angst, jemanden erstickt zu haben mit dem Lösch-Schaum. „Wenn ich die Augen zugemacht habe, war auf einmal alles wieder da", erinnert sich Lenhard und knetet seine Hände. Er schweigt lange. Tagsüber macht Lenhard seine Arbeit in den Wochen danach mehr schlecht als recht, findet altvertraute Gebäude nicht mehr, kämpft mit Übelkeit, sobald er sich dem Flugplatz auch nur nähert. Nachts kann er kaum schlafen, fast zwei Jahre nicht. Er nimmt Beruhigungsmittel, bekommt Magenbeschwerden, ringt mit sich und will doch nicht akzeptieren, wie tiefgehend sein Problem wirklich ist. „Wir haben in der Familie nicht über Ramstein gesprochen", sagt Lenhard, „vor allem mit meinen zwei Töchtern nicht. Ich wollte sie doch nicht belasten damit."
Fast zwei Jahre funktioniert Lenhard weiter - bis am 29. August 1990 wieder ein Flugzeug in Ramstein abstürzt, ein amerikanischer Militärtransporter. 18 Menschen sterben, und die Bilder sind die gleichen wie damals. Erst jetzt bricht Lenhard zusammen, ist wochenlang im Krankenhaus. Als er wieder entlassen wird, gibt er seine Arbeit am Flugplatz auf und schult auf Dreher um. Geld von der Krankenkasse bekommt er nicht. „Die haben gesagt: Wir kennen Ihr Krankheitsbild nicht - Traumatisierung." Erst 1999 wird Lenhard die Berufsunfähigkeit zugesprochen, seither bekommt er eine kleine Rente. Mehr haben die „nur" seelisch Versehrten von Ramstein nicht erhalten - von den Amerikanern nicht, und auch nicht von den Deutschen. Fünf Jahre prozessieren die Opfer per Sammelklage gegen das zuständige Amt für Verteidigungslasten in Koblenz, um Schmerzensgeld für ihre posttraumatischen Störungen zu erhalten, ein kleines bisschen Wiedergutmachung wenigstens, wenn man überhaupt von so etwas sprechen mag.
Als 2003 dann das Urteil ergeht, so niederschmetternd wie endgültig, können sie es nicht fassen. „Verjährt" sei Ramstein, alle Ansprüche erloschen. „Das ist mir bis ins Mark gegangen", sagt Lenhard. 1998 schickt die Nachsorgegruppe der Ramstein-Betroffenen einen Brief und lädt Lenhard zu einem Treffen ein. Er zögert. Was werden die da sagen? Was, wenn dort Angehörige sind, die dir vorhalten, du hättest nicht genug geholfen? Schließlich geht er doch hin - ein Segen, wie er heute sagt. „Da hatte ich endlich Leute zum Reden. Das hat gut getan." Vorwürfe macht ihm in der 40-köpfigen Gruppe keiner. Vier Mal im Jahr treffen sie sich seither, mit einem Haupttreffen am 28. August, dem Jahrestag. Mittlerweile arbeitet Lenhard wieder auf dem Flugplatz, wenn auch in einem anderen Abschnitt, als Busfahrer. Das flaue Gefühl, wenn er auf das Gelände fährt, ist geblieben. Noch immer kann der Pfälzer fast blind die Flugbahnen der abgestürzten Maschinen aufmalen. Vor allem die von Ivo Nutarelli, dem Unglückspiloten, der so erfahren war und dieses eine Mal doch versagte. Auch deshalb kann Lenhard nicht so recht glauben, dass es ein Unfall gewesen sein soll, wie die Gutachter sagen. „Nutarelli hat 1500 Flugstunden auf dieser Figur gehabt. Fehler kannte der nicht."
Bei anderen ist da schon eindeutiger, dass sie Fehler gemacht haben. Die Deutschen, die damals noch Injektionskanülen verwendeten, die nicht genormt waren und nicht auf amerikanische Infusionen passten. Die Amerikaner, die auswärtige Retter nicht sofort auf den Platz ließen oder gar nicht erst anforderten; die alles selbst regeln wollten und dabei jeden einzelnen Mann gebraucht hätten. Doch wer deshalb nachfragt bei den Militärs, dem begegnet nur eins: Schweigen.
Auch die Günthers aus Neunkirchen haben geschwiegen, eine ganze Weile lang. „Das war unser größter Fehler", sagt Helmut Günther heute, „wir haben zu spät gemerkt, dass nur eines hilft: reden, reden, reden." Günther ist jetzt 71, und wenn man ihn und seine Frau so auf dem geblümten Sofa sitzen sieht in ihrem verwinkelten Haus, dann bekommt man eine Ahnung davon, was für eine Schneise Ramstein in diese kleine heile Welt geschlagen haben mag. Sicher, körperlich haben sie nichts abbekommen, außer ein paar verbrannten Haaren und zerfetzten Kleidern. Und doch hat das Unglück auch bei ihnen tiefe Spuren hinterlassen - vor allem bei ihrem Sohn Ralf. 14 Monate ist er damals alt und mit dem Sprechen gut beisammen, „Papa" kann er schon sagen. Doch nach Ramstein verstummt er plötzlich, bringt keine Silbe mehr heraus, so als finde er keine Worte für das Unaussprechliche. „Der hat geradeaus gestiert und nichts gesagt. Gar nichts", erinnert sich Günther. Erst nach jahrelangen Therapien bei Psychologen und Logopäden beginnt der Kleine wieder mit dem Sprechen. Trotzdem bleiben noch lange Symptome, auch bei den Eltern. „Wir hätten doch die glücklichsten Menschen sein müssen, weil wir überlebt hatten", sagt Günther. „Aber die Lebenslust war weg." Seinen Beruf als Elektriker kann der Neunkircher bald kaum noch ausüben, macht Fehler selbst bei einfachsten Arbeiten. „Als ob da etwas abgeschaltet gewesen wäre." Er deutet auf seinen Kopf. Erst über die Jahre macht die Familie ihren Frieden mit der Katastrophe - soweit das eben geht. Trotzdem holt das Unglück auch sie immer wieder ein. „Es ist bis heute so", gesteht Günther: „Um den Jahrestag herum schlafen wir schlecht. Jedes Mal."
Ramstein, das bleibt, ob man will oder nicht. Hans Joachim Lenhard, der so gekettet ist an die Katastrophe, hat genug - nach dem 20. Jahrestag will er endlich abschließen damit, basta. „Das Leben geht ja weiter." Fast beschwörend sagt er das. Doch wenn es hagelt, wird das Trommeln auch danach wieder die Bilder von damals heraufbeschwören, klack-klack-klack. So etwas wie Ramstein lässt sich nicht abschalten. Ein Leben lang nicht.
oliver georgi. journalist.