Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bilder und Zeiten (Feuilleton), 19. Februar 2011
Ich und ich
Überall zugleich, niemals allein: das Leben mit einer zweiten Persönlichkeit. Was tun, wenn ein Stalker gar nichts von einem selbst will, sondern nur gewisse Vorzüge des eigenen Lebens?
Von Oliver Georgi
Ich bin ich, ich ganz allein. Nur manchmal genüge ich mir nicht, dann schwirre ich doppelt durchs Leben. Dann sitzt der eine in Frankfurt am Schreibtisch und
schuftet, während der andere beim Meet & Greet in München seinen Prosecco mit den Promis schlürft. Oder ich jogge abends durch den Taunus, bin aber zugleich in Düsseldorf, auf einer dieser
schicken Galas mit wenig Hirn und viel Haut. Manchmal bin ich zuvorkommend und nett, pöbele aber zugleich wildfremde Menschen an. Ich bin überall und nirgendwo. Ich bin ein Phantom. Darf ich
vorstellen: Oliver Georgi. Ich bin zwei.
Meine Zeit zu zweit beginnt im November 2009 mit einer Mail. „Sehr geehrter Herr Georgi”, schreibt ein großes Unternehmen aus Österreich mit professioneller Verbindlichkeit, „wir freuen uns, Sie bei unserer Moonlight-Nacht begrüßen zu dürfen, dem Highlight des gesellschaftlichen Jahres.” Nur aus dem gewünschten zweiten Sitzplatz beim zwölfgängigen Galadinner werde leider nichts, man habe doch sicherlich Verständnis. Ob man die Teilnahme noch schriftlich bestätigen könne, wie am Telefon besprochen? Moment: Promi-Nacht? Galadinner? Telefon? Die Pressedame in Wien ist ebenso überrascht wie ich, als ich sie anrufe und versichere, dass ich noch nie im Leben von der Veranstaltung gehört habe. „Aber wir haben doch miteinander telefoniert”, sagt sie. „Auch wenn Ihre Stimme da ganz anders klang.”
Der Fall ist schnell geklärt: Ein Oliver Georgi von der F.A.Z. hat sich telefonisch für die Veranstaltung angemeldet, angeblich vom Redaktionsbüro in Berlin aus. Die Adresse: erfunden. Die Mailadresse: nicht vorhanden. Die Rufnummer (eines Prepaid-Handys): nicht mehr erreichbar. Erst als die Pressedame nicht mehr weiterwusste und bei Google suchte, fand sie auf meiner Homepage einen privaten Kontakt und mailte versehentlich den echten Oliver Georgi an. Nun ist sie erleichtert: Falsche Fuffziger in exklusiven Kreisen, wer hat das schon gern? Sie verspricht sich zu melden, wenn der Unbekannte wieder Kontakt aufnehmen sollte - und künftig bei Akkreditierungen genauer hinzuschauen. Sicherheitshalber informieren wir die Polizei. Man weiß ja nie.
Wer hat schon ein Date mit sich selbst?
Wenige Tage darauf meldet sich die Dame abermals: Oliver Georgi hat wieder angerufen und sein Kommen zugesagt; Nummer unterdrückt, keine Details, das gleiche Spiel. „Ich habe ihn in Sicherheit gewiegt”, sagt sie leise, so als finde sie langsam Spaß an dem Detektivspiel. „ich glaube, der ahnt nichts.” Anruf bei der Polizei: Beamte in Zivil werden bei der Veranstaltung auftauchen, um den falschen Oliver Georgi abzufangen. Am liebsten würde ich auch hingehen. Wer kann schon von sich sagen, dass er ein Date mit sich selbst hatte?
Drei Wochen später: In der Redaktion klingelt das Telefon, in der Leitung ist eine PR-Agentur aus Hamburg. Sie wolle sich nur vergewissern, ob die Nummer stimme, beginnt eine Dame vorsichtig, die sei bei dem Anruf vorhin unterdrückt gewesen. Ein Anruf, von dem ich nichts weiß - hatten wir das nicht schon? Ich traue meinen Ohren nicht, als sie fortfährt: Ich soll sie auf das Übelste beschimpft haben? Mit rüdesten Worten, die wiederzugeben sie sich nicht einmal am Telefon traut? Schnell ist klar: Wir haben im Leben noch nie miteinander gesprochen, und wer immer die arme Frau so derb belästigt hat, ich war es jedenfalls nicht. Trotzdem wächst die Unruhe: Das zweite Mal in wenigen Wochen, was ist da los? Ein Stalker? Im Kopf fahnde ich nach alten Leichen im Keller: Petzgeschichten in der Schule? Ein Studienkollege, der mir nie verziehen hat, dass er nicht abschreibe durfte? Beim besten Willen: kein Treffer.
„Das gibt's ja nicht”, entfährt es der Dame aus Hamburg mitleidig, „so was habe ich ja noch nie erlebt.” Dann beginnt sie zu erzählen: Ein Oliver Georgi, dieses Mal von einem angeblichen F.A.Z.-Büro in München, habe vor kurzem gemeinsam mit einem Begleiter eine exklusive Messe in Berlin besucht, die von ihrer Agentur betreut wird; roter Teppich, Häppchen, Galaempfang. Wieder wurden alle Telefonate im Vorfeld von einer Prepaid-Karte geführt, wieder sind Anschrift und Mailadresse gefälscht, wieder fliegt der Schwindel nur auf, weil der Veranstalter zu zweifeln beginnt und sich auf die Suche nach dem echten Oliver Georgi macht, dieses Mal durch einen Anruf in der Frankfurter Zentrale. Meine Unruhe wächst, auch als ich höre, dass ein Herr von der Partneragentur, die die Messe vor Ort betreute, den Schwindel während der Veranstaltung bemerkt und „Oliver Georgi” umgehend an die Luft gesetzt hat - allerdings nicht ohne heftige Gegenwehr: „Richtig ausfallend ist der geworden.” Die Stimme der Pressedame zittert vor Empörung, als sie berichtet, wie sich „der Herr von der F.A.Z.” lautstark beschwert habe, weil ihm die Häppchen nicht genehm und die Pressegeschenke nicht schick genug waren. Als tags darauf ein „Ressortleiter der F.A.Z.” bei der Agentur anrief, sich rüde darüber beschwerte, wie man in Berlin mit seinem „Mitarbeiter” umgesprungen sei und Konsequenzen androhte, schöpfte die Frau Verdacht. „Wissen Sie”, sagt sie verschwörerisch, „ich habe mir gleich gedacht, dass das nicht stimmen kann. So ein Tonfall, von der F.A.Z.!” Ich aber bin sprachlos: Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern Rufschädigung. Wir informieren die Kriminalpolizei und erstatten Anzeige. Gegen unbekannt.
Unterdrückte Nummer, sonore Stimme
Ein paar Tage später, Vienna calling. Alles war umsonst, beim "Highlight des gesellschaftlichen Jahres" ist kein Oliver Georgi aufgetaucht, weder der falsche noch der echte. Hoffentlich haben die Polizisten wenigstens etwas vom Galadinner gehabt.
Eine Woche darauf: wieder Hamburg. Der falsche Oliver Georgi hat sich bei der Agentur gemeldet und will sich für eine Veranstaltung im Dezember im Rheinland akkreditieren. Glücklicherweise hat die Dame sich nichts anmerken lassen und die Akkreditierung bestätigt. Anruf bei der Kripo: Sie wird Beamte in Zivil zu der Veranstaltung schicken, um den Betrüger dingfest zu machen. Doch auch dieses Mal wird kein zweites Ich auftauchen.
Wenige Tage später: Das Telefon in der Redaktion klingelt, unterdrückte Nummer, sonore Stimme. Ein Mann ist in der Leitung, angeblich ein Herr Meier von dem mir mittlerweile bestens bekannten Wiener Unternehmen. Er wolle nur mitteilen, sagt er tastend, dass man die Ermittlungen „gegen diesen Betrüger” eingestellt habe. „Die Sache ist für uns erledigt. Für Sie auch, oder?” Ich versuche ruhig zu bleiben und versichere, auch wir würden nichts mehr unternehmen. Weiteres Nachbohren, wer der Anrufer wirklich ist, bleibt erfolglos. Als ich kurz darauf in Wien anrufe, bin ich nicht überrascht: Von einem Herrn Meier hat man dort noch nie gehört. Mir kommt ein Film in den Sinn, in dem Leonardo DiCaprio gegen einen Irren ermittelt, um am Ende zu merken, dass er selbst der Irre ist.
Mitte Februar: Nachricht von der Staatsanwaltschaft: Das Verfahren gegen unbekannt wird eingestellt. Ich bin enttäuscht, aber auch erleichtert, seit zwei Monaten kein neuer Fall. Nie hat sich Einsamkeit besser angefühlt.
Anfang April: Die Mail des Herrn aus München ist freundlich: Es gebe da Unregelmäßigkeiten wegen meines Presseausweises, ich wisse doch: die Akkreditierung für diesen Filmball. Deshalb, reine Formsache: Wie war noch gleich das Geburtsdatum?
So müssen sich Schizophrene fühlen
Mitte November: Ein Telekommunikationsunternehmen schreibt; der Ton ist höflich, aber bestimmt. Ich werde nachdrücklich an die Rückgabe eines geliehenen Handys erinnert (eines teuren neuen Geräts), das ich laut Vertrag nur für knapp drei Wochen hätte benutzen dürfen. Handy? Vertrag? Auf meinen Anruf in der Konzernzentrale wird leicht genervt erwidert, es handele es sich um das Handy, das ich im September auf einer Pressekonferenz in Berlin ausgeliehen habe. Ich wisse doch sicher noch? Wieder falle ich aus allen Wolken. Nur der Herr am Telefon will mir nicht recht glauben, als ich meine Geschichte herunterleiere. So langsam kann ich mir vorstellen, was Schizophrene durchleben müssen: Irgendwann ist die zweite Persönlichkeit glaubwürdiger als die erste.
Auf dem mir zugemailten Vertrag steht als Entleiher ein „Oliver Georgi, F.A.Z.”; die Adresse ist unvollständig, die Straße falsch. Dafür ist der Vertrag unterschrieben, mit einem Gekrakel, das wohl „Georgi” heißen soll. Meine vage Hoffnung, dem Betrüger jetzt endlich auf die Schliche zu kommen, weil ein Telekommunikationsunternehmen ein Handy doch eigentlich orten können sollte, zerplatzt leider schnell: Die Sim-Karte ist längst gesperrt, das Handy auf Nimmerwiedersehen verschollen. Wieder endet eine Spur im Nichts.
Als ich an diesem Abend in den Spiegel schaue, glaube ich für einen kurzen Moment in mehrere Gesichter zu blicken. Ich bin ich, aber ich bin nicht ganz allein. Darf ich vorstellen: Oliver Georgi. Ich bin zwei.
oliver georgi. journalist.