Saarbrücker Zeitung, 29. Oktober 2007
Ich hab Dich bei Anne Will gesehen!
Wie eine saarländische Sozialdemokratin ihren ersten Bundesparteitag erlebt
Hamburg. Als der Franz (Müntefering) vorne von Solidarität spricht, hält es die Birgit hinten nicht mehr auf dem Stuhl. Stürmisch springt sie auf und klatscht, eine Erlösung ist das. Endlich spricht einer aus, was die Genossen denken. Und er sagt es klar, kämpferisch. Bei Kurt Beck hat Birgit Jenni auch geklatscht, sicher. Aber das hier ist etwas anderes. Das ist die Partei. „Der Franz gibt mir das Gefühl, richtig zu sein in der SPD. Das hat gut getan.“ Jenni strahlt. Bevor sie fast entschuldigend hinzufügt, dass es ohne Beck auch nicht gehe. „Durch Kurt schlägt das Herz wieder links. Wir brauchen ja beide.“ Der Tisch vor ihr biegt sich unter dem Gewicht der Kladden, zwei dicke Bücher liegen da mit hunderten Anträgen, über die die 525 Delegierten entscheiden. Ein neues Grundsatzprogramm gibt sich die SPD hier in Hamburg, das die Partei wieder sozialer machen soll und das Beck „historisch“ nennt. Manchmal geht es um Nuancen in den Anträgen. Zuweilen aber auch um Krieg oder Frieden.
Für Franz Müntefering, der sich gerade mit jedem gesprochenen Wort unersetzbarer macht, mag das alles Routine sein – für Birgit Jenni nicht. Die 49-Jährige, Berufsschullehrerin aus St. Wendel, ist zum ersten Mal als Delegierte auf einem Parteitag dabei – als eine von drei Ehrenamtlichen unter 16 Saarländern, von denen die meisten Berufspolitiker sind. Eine große Aufgabe also, auch wenn Birgit Jenni immerhin Ortsvereinsvorsitzende in Urweiler und Vize-Kreisvorsitzende von St. Wendel ist. Aber auf einem Parteitag die Weichen mitstellen zu können für die Zukunft der SPD, das ist schon etwas anderes. Der Anruf kam irgendwann im Sommer. Ob sie schon gehört habe, dass Isolde Ries verhindert sei, und ob sie denn nicht? Birgit Jenni sagte zu – nicht ohne mulmiges Gefühl. „Als Lehrerin ist mein Thema eher die Bildungspolitik.“ Und hier? Hier soll sie auch zu den makroökonomischen Folgen eines Börsengangs oder zur transatlantischen Partnerschaft eine Meinung haben – das fällt mitunter schwer. „Die meisten Anträge liest man während der Debatten und entscheidet spontan“, sagt Jenni. Trotzdem kommt sie manchmal zu keinem Urteil, und dann hilft nur noch die Antragskommission, die für jeden Antrag eine „Beschlussempfehlung“ ausspricht. An der orientiert sie sich.
Jetzt hebt Birgit Jenni die Stimmkarte: Antrag „U44“, die Zulassung von „Gigalinern“. Jenni stimmt dagegen, wie die meisten – Formsache, diese Abstimmung. Da gibt es aber auch noch ganz andere. Die Debatte über den Afghanistan-Einsatz ist so eine. Längst ist es Abend geworden über Hamburg, Birgit Jenni wirkt geschafft. Von Frank-Walter Steinmeier aus gesehen, der am Podium mit viel Pathos für die Mission wirbt, sitzt die saarländische Delegation hinten links, das passt. Schließlich gelten die Saarländer in der SPD als linke Speerspitze, was auch an ihrer Lafontaine-Vergangenheit liegen mag. Auch Birgit Jenni ist seinetwegen in die Partei eingetreten, 1998, als Schröder noch Brioni trug und Lafontaine Parteichef war. Heute ist sie von ihm maßlos enttäuscht, und wenn beide überhaupt noch etwas verbindet, dann vielleicht das: die Ablehnung dieses Einsatzes am Hindukusch. Jenni schüttelt den Kopf: „Ich sehe ja ein, dass man helfen muss“, sagt sie, und man spürt, wie sie mit sich ringt. „Aber dafür Männer in den Krieg schicken?“ Als sich die Genossen am Ende für den Einsatz aussprechen, ist Jenni eine der wenigen, die mit Nein stimmt. Wenn es ums Gewissen geht, hilft keine Kommission mehr. Und Oskar sowieso nicht.
Ach ja, das Duzen. Als gestern der Sozialexperte Karl Lauterbach samt Fliege auf Birgit Jenni zukam und sie ihm mal sagen wollte, dass er das alles ganz gut macht, traute sie sich was und begrüßte ihn mit den Worten: „Ich hab Dich bei Anne Will gesehen.“ Auch das, raunt einer, sei eben besonders an der SPD: Reden auf Augenhöhe.
oliver georgi. journalist.