Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Dezember 2009

"Bisher lief es ganz gut"

Thomas Dold, der beste Treppenläufer der Welt, der selbst rückwärts schneller läuft als die meisten anderen Menschen vorwärts, ist nun auch ganz unten ganz oben. In Neuseeland trainiert er für sein höchstes Ziel: das Empire State Building in New York.


Von Oliver Georgi


Auckland, im Dezember. Die Empfangsdame mag es kaum glauben. „Zu Fuß wollen Sie da hoch, ohne Fahrstuhl? Machen Sie so etwas öfter?“ Sie lacht, der seltsame Kerl gefällt ihr. Vom Treppenlaufen hat sie wohl noch nie gehört, und erst recht nicht von ihm, der schneller als jeder andere die höchsten Türme der Welt hinaufhetzt. Empire State Building in New York, Messeturm in Frankfurt, Taipei 101 in Taiwan: Sie alle hat Thomas Dold bezwungen, manche in Rekordzeit. Doch dieser hier, der Sky Tower in Auckland, mit 328 Metern der höchste Turm der südlichen Hemisphäre, fehlt ihm noch.


Also steht er an diesem sonnigen Morgen startbereit am Turmeingang – und bleibt auf dem Boden. Der Rekord über die 1267 Stufen liegt bei 05:17 Minuten, aufgestellt von dem neuseeländischen Langstrecken- und Bergläufer Jonathan Wyatt. „Das wird ganz hart“, murmelt Thomas Dold, während er sich aufwärmt. „Wenn ich auch nur in die Nähe des Rekords komme, bin ich schon froh.“ Man hätte es wissen können: Wenn er so was sagt, klappt’s sicher. Denn was er macht, macht er „mit Vollgas“, wie er das sagt, beim Treppenlaufen und auch in jeder anderen Disziplin, die mit Laufen zu tun hat. Als sein Trainer beim SV Steinach vor ein paar Jahren in einer Laufzeitschrift vom Rückwärtslaufen las und ihm das vorschlug, lief Dold ein paar Wochen später ohne Vorbereitung bei den Deutschen Meisterschaften mit – und gewann. Wenn er nicht gerade Treppenhäuser hochsprintet, läuft er zur Entspannung auch mal rückwärts, weil das andere Muskelgruppen trainiert und Verletzungen vorbeugt. Zwischen 400 Metern und einer Meile hält er fünf Weltrekorde.
Laufen und lernen - mehr kaum

Der lange Lauf des Thomas Dold begann schon in seiner Jugend. Als Abiturient trainierte er längst zwei-, dreimal pro Woche, irgendwann fast täglich. Erst als Fußballer im Mittelfeld, wo man am meisten Kondition braucht, bis er das Laufen für sich entdeckte, besonders das Berglaufen, das er spannender findet. Zeit für etwas anderes nahm er sich im Studium kaum. Abends in die Kneipe gehen? Abhängen? „So was gab’s für mich ganz selten.“ Mit Laufen und Lernen hatte er schon genug zu tun. Vermisst, sagt er, hat er nichts. Auch weil er längst Mitglied der deutschen Nationalmannschaft im Berglaufen war und durch die Welt tourte.

Bei Thomas Dold ist alles geplant, fokussiert und einem großen Ziel untergeordnet: voranzukommen. „Wenn ich in irgendetwas noch nicht gut genug bin, muss ich es eben werden“, sagt der 25 Jahre alten Badener, der sich in Rage reden kann über diese Treppenstufe, die ihn 2005, bei seinem ersten Treppenlauf in New York, um den Sieg brachte.

Heute, hier, ganz unten auf der Welt, will er wieder nach ganz oben. Dold schließt die Augen, die Muskeln spannen sich. „Three, two, one“ – beim „Go!“ des Sky-Tower-Mitarbeiters, der den Schiedsrichter gibt, ist Dold schon vier Stufen höher. Immer zwei auf einmal jetzt, hoch bis zum Absatz, dann mit der Hand am Geländer herum und den Schwung mitnehmen, und bloß nicht aus dem Tritt kommen dabei. Die Stufen sind gut: tief und flach, viel flacher als in Taipeh. Aber auf Dreiviertelhöhe muss das Treppenhaus gewechselt werden, durch mehrere Türen, erhöhter Schwierigkeitsgrad. „Come on, Thomas“, brüllt einer noch ins Treppenhaus hinterher, „you’ll get it.“ Doch das hört er im zweiten, dritten Stock längst nicht mehr.


„Das mit dem Treppenlauf ist meine Chance”

Thomas Dold plant alles – und doch sind wichtige Wegmarken Zufälle. Wie das mit den Treppen. Hätte ein Trainer der Berglauf-Nationalmannschaft ihm nicht 2002 davon erzählt, dass er ins Treppenlaufen eingestiegen und begeistert sei – Dolds Ehrgeiz wäre vielleicht nie geweckt worden. So aber: Erster Wettkampf 2003, erster Sieg im Jahr darauf, im Empire State Building auf Anhieb Platz zwei. Über Nacht wird der Randsportler zum Szenestar. Interviews, Talkshows, „Wetten, dass . . .?“ Das mit dem Treppenlauf ist seine Chance. Höher geht’s nicht. Bis zu dreimal die Woche fährt Dold mittlerweile von seiner Heimat, dem kleinen Dorf Steinach im Badischen, nach Frankfurt, um im Main-Tower zu trainieren. Drei Stunden hin mit der Bahn, rüber zum Turm, umziehen, aufwärmen, dann der erste Lauf bis zur Spitze, gut 1000 Stufen, wieder hinunter mit dem Fahrstuhl, Lauf zwei und drei, umziehen, duschen, zum Bahnhof und zurück nach Hause. Acht Stunden dauert so eine Trainingseinheit. Im Zug lernt er, schreibt Mails, arbeitet an seiner Homepage und überhaupt an dem Gesamtkunstwerk Thomas Dold.

Zielstrebig, ehrgeizig – egozentrisch? „Ich teile mein Leben nach Prioritäten ein. Und im Moment hat das Laufen eine hohe Priorität.“ Wenn ein Sportkollege aus dem Mittelfeld sich nach einem Rennen über Schnellere beklagt, sagt Dold: „Du hättest schneller sein können. Aber du hast den Sieg nicht wirklich gewollt.“ Nur der Sieg gilt Dold als harte Währung, der Zweite ist der erste Verlierer. Auch deshalb stört ihn kaum, was die Leute über ihn denken. Für ihn zählt der Erfolg, und der gibt ihm recht. „Sollen mich die Leute ruhig für bekloppt halten. Wenn ich wieder einmal einen Weltrekord aufgestellt habe, sind die meisten still.“

Unerträglich, nur Zweiter zu sein. Im Empire State Building hat er schon öfter gewonnen, zuletzt im Februar, aber den Streckenrekord, den hält seit 2003 ein anderer: Paul Crake, ein australischer Radprofi, 9:33 Minuten. Dold brauchte im Februar 10:07 Minuten. Der Unterschied zehrt an ihm. Er muss New York im Februar wieder gewinnen und dabei unter zehn Minuten bleiben, das ist sein Ziel. Deshalb will er dieses Mal noch härter trainieren, noch effizienter werden, die eigenen Grenzen wieder weiter verschieben.
Arbeiten am „Gesamtkunstwerk” Dold.

Und dann wird ja auch bald noch der Burj Dubai eröffnet, 818 Meter, höchster Turm der Welt. Da wird er früh dabei sein. Und das ist nicht nur sportlicher Ehrgeiz, auch betriebswirtschaftliches Geschick. Die Vermarktung denkt der frisch diplomierte Ökonom immer schon mit. Der Sportler Thomas Dold ist längst zum Unternehmen Thomas Dold geworden, das sich selbst vermarktet, Sponsoren akquiriert, bloggt, ständig die eigene Präsenz in den Medien verfolgt und seine Strategie anpasst. Auf seine Medienkompetenz hält Thomas Dold große Stücke. „Viele Athleten könnten noch viel besser mit den Medien umgehen. Bei mir klappt das ganz gut. Auch wenn das sicher noch besser werden kann.“ Sogar ein eigenes Sportlabel hat er bereits gegründet, das ihn selbst mit Sportkleidung und Fahrrädern für die Wettkämpfe ausstattet und demnächst auch einen Online-Shop eröffnet.

Das mit dem Treppenlaufen, sagt Dold, könne er noch fünf, acht Jahre machen. Wenn es gut läuft. Und danach? „Mal sehen.“ Natürlich hat er schon längst damit begonnen, sich darauf vorzubereiten. Er macht seinen Leichtathletik-Trainerschein. Hin und wieder gibt er Kurse als Motivationstrainer. Auch wenn er den Begriff falsch findet, denn so ein Trainer kann nicht bei jedem etwas erreichen, jedenfalls nicht bei Unmotivierten. „Das hängt immer davon ab, was man in sich hat“, sagt Dold. Deshalb möchte er lieber „Impulsgeber“ sein. So nach dem Motto: „Du kannst alles schaffen. Denn Grenzen sind nur selbst aufgestellte Barrieren.“

Das Sky-Tower-Personal in Auckland, das den ganzen Turm vorsichtshalber für eine Stunde gesperrt hat, muss nun schnell sein: Unten am Treppenanfang schnell den Start fotografieren, mit dem ganzen Tross hinüber zum Fahrstuhl hetzen, rauf in den 53. Stock, herum um die Ecke und bis ans Treppenende – und hoffen, dass Thomas Dold einen dort nicht schon erwartet. Kaum ist der Lift oben und die Mannschaft endlich am Treppenabsatz, hört man schon Schritte und Keuchen. Bei 04:53:91 bleibt die Uhr stehen, Jubel. Dold hat es tatsächlich geschafft und die bisherige Rekordmarke um über 20 Sekunden unterboten. Das Personal ist in heller Aufregung und Auckland um einen Rekord reicher, auch wenn es kein offizieller Wettkampf war, sondern eine private Rekordjagd. Thomas Dold sieht’s gelassen. „Ha ja, lief doch ganz gut.“ Kurz darauf geht er noch ein bisschen trainieren: leichtes Auslaufen am Meer.

Do

07

Jan

2010

Ganz oben, down under

Der Treppenläufer Thomas Dold hält diverse Rekorde in den höchsten Türmen der Welt. Zum Ende des letzten Jahres hat er sich am Skytower in Auckland/Neuseeland versucht - und dort ebenfalls einen neuen Rekord aufgestellt. Ich habe Thomas Dold für die F.A.Z. mit Videokamera und Laptop begleitet - und seinen Rekordversuch sowie die gesamte Reise in einem Blog festgehalten.

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